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6. März 2016 Elfriede Müller

Enzo Traverso: Geschichte als Schlachtfeld

Der lange in Frankreich lebende italienische Historiker Enzo Traverso, der seit einem Jahr an der Cornell University in Ithaca im Staat New York unterrichtet, untersucht in seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Buch Geschichte als Schlachtfeld den Geschichtsbegriff der Jahrhundertwende.Dabei behandelt er zunächst die großen interpretatorischen Begriffe wie Revolution, Faschismus, Nationalsozialismus, Shoah, Genozid und Totalitarismus, wie auch die neuere Kategorie der Biomacht, und hinterfragt ihre Aussagekraft, ihre Grenzen und Metamorphosen. Das Buch bietet eine gute Übersicht über Traversos Schaffen: die intellektuelle Geschichte des 20.Jahrhunderts und die omnipräsente Rolle der Gewalt. Die Originalität seiner Herangehensweise liegt auch im historischen Vergleich, z.B. zwischen jüdischem Exil und schwarzer Diaspora. Die zentrale, über allem liegende Fragestellung aber ist das Verhältnis von Geschichte und Erinnerung, das die Narration der Erfahrungen des 20.Jahrhunderts bestimmt. Traversos Geschichtsschreibung denkt den eigenen Ausgangs- und Standpunkt immer mit: den eines politischen Aktivisten der Nachkriegszeit, der zur letzten antistalinistischen Generation gehört, die sich positiv auf die Oktoberrevolution bezieht. Diese persönliche Erfahrung fließt in seine Analysen mit ein und bestimmt die Auswahl der Themen wie auch der Referenzen. Die Rolle der Gewalt Traverso betrachtet die Vergangenheit im Benjaminischen Sinne als eine unabgeschlossene Erfahrung. Dass die Utopien der revolutionären Erfahrungen aus der offiziellen Erinnerungspolitik verschwunden sind, veranlasst Enzo Traverso, gegen die «resignierte Enttäuschung» zu forschen und eine kritische Geschichtsschreibung zu betreiben. Das zweite Kapitel, «Revolutionen», stellt François Furet und Arno J. Mayer gegenüber, die den ursprünglich deutschen Historikerstreit fortführten und anhand der Französischen Revolution weiter austragen. Furet rechnet ein für allemal mit revolutionären Perspektiven ab, indem er die Revolutionen enthistorisiert und ihres sozialen Gehalts beraubt. The Furies von Arno J. Mayer antwortet darauf, indem er anhand der Französischen und der Russischen Revolution deutlich macht, dass Revolutionen einen kreativen Bruch bedeuten, der von aktiven Massen getragen wird, universelle Werte affirmiert und die Zukunft gestalten will. Im Gegensatz zu Furet unterscheidet Mayer die revolutionäre, kreative Gewalt von der restaurierenden Gewalt der Ordnung und der Macht. Die Rolle der Revolutionäre, so Mayer, lag auch darin, die Gewalt zu kanalisieren. Das logische und erstaunlich systematische Vorgehen von Mayer liegt darin, dass er Revolutionen nur im Kontext der Konterrevolutionen beurteilt, d.h. der rote Terror der Bolschewiki war nicht Teil ihres revolutionären Projekts, sondern die Antwort auf den weißen Terror. Enzo Traverso stellt sich mit Mayer gegen die liberale und konservative Geschichtsschreibung, wenn er behauptet, dass die Gewalt, die der Erste Weltkrieg freigesetzt hatte, von den Bolschewiki nicht erfunden, sondern nur interpretiert und fortgesetzt wurde. Die Rolle der Erinnerung Traverso hat die zunächst unabhängig voneinander entstandenen Aufsätze überarbeitet und ihnen über die Kontextualisierung und Historisierung der weltweiten Erinnerungs-, Gedenk- und Geschichtspolitiken einen roten Faden verliehen. Es wird deutlich, wie wichtig diese für das Werden und den Zustand der Gesellschaften sind, in denen wir leben. Es wird deutlich, dass Erinnerung und Geschichte Repräsentationen sind, die in der Gegenwart geschrieben werden und Verhältnisse legitimieren, aber auch in Frage stellen können. Das 21.Jahrhundert begann mit dem Ende der kommunistischen Utopie 1989. Die Geschichtsschreibung und die Erinnerungspolitik haben dazu beigetragen, dass ihr emanzipatorisches Potenzial verdrängt wurde und Staatsstreiche, autoritäre Wendungen, Säuberungen und «Hinterzimmer der Genozide» im Gedächtnis übrig geblieben sind. Damit verschwand die revolutionäre Dimension des Spanischen Bürgerkriegs, der Generalstreik im Mai 1968 in Frankreich, die emanzipatorische Dimension der ersten Jahre der Russischen Revolution. Doch geht es nicht allein um historische Ereignisse und deren Interpretation – das wird bei der Lektüre des Buches deutlich –, sondern um die Möglichkeit, eine andere Gesellschaft überhaupt zu denken. Enzo Traverso versucht in all seinen Texten deutlich zu machen, dass diese andere Welt möglich ist. Er tut dies, indem er den Verdunklungen der offiziellen Geschichtsschreibung eine kritische Analyse der Emanzipationsversuche des 20.Jahrhunderts entgegenstellt, auch wenn dies heute schwierig ist. Denn das Ende des Realsozialismus war nicht von einer strategischen Bilanz der Linken begleitet, sondern von einer konservativen ideologischen Offensive, die es nicht nur geschafft hat, die Erinnerung der Arbeiterbewegung verschwinden zu lassen, sondern auch einen Erinnerungsdiskurs freisetzte, der nur noch Opfer und keine Akteure mehr kennt: «Die Erinnerung an den Gulag hat die an die Revolutionen ausgelöscht, die Erinnerung an die Shoah hat die an den Antifaschismus ersetzt, die Erinnerung an die Sklaverei hat die an den Antikolonialismus verdrängt: alles läuft ab, als ob die Erinnerung an die Opfer nicht mit der an ihre Kämpfe, ihre Erfolge und ihre Niederlagen koexistieren könne.» Der eindimensionale Blick in die Vergangenheit verunmöglichte lange Zeit, einen Zukunftsentwurf neu zu denken, der den Totalitarismus hinter sich lässt und sich Emanzipation auf die Fahnen schreibt. Die vielen Debatten über Utopie in der internationalen Linken der letzten Jahre weisen aber auf dieses Bedürfnis hin. Enzo Traverso leistet dazu auch in diesem Band einen wichtigen Beitrag.